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Tunesien
Weltenansicht Tunesien




Grabsteine, mysteriöse Symbole und blutgierige Götter

Von Karthago bis Sidi Bou Said

Reisebericht von Rolf Schwarz

Gottesanbetungen, grausame Rituale und geopferte Kinder — Sagenumwoben ist die Geschichte des alten Karthagos. Noch heute kann man der Geschichte dieser antiken Zivilisation in Tunis nachspüren, oder es sich direkt am Meer in einem der schönsten Dörfern Tunesiens gemütlich machen: In Sidi Bou Said.

Es ist mit dem bloßen Auge kaum auszumachen: Nahe der Ruinen Karthagos inmitten eines der bestangesehensten Villenviertel in Tunis befindet sich zwischen Palmen, Feigenbäumen und Blumen der Tophet, einer der geheimnisumwittertsten Friedhöfe des Mittelmeerraums und der letzte Zeuge der schrecklichen Ereignisse in Karthago. Laut vieler Chronisten wurden hier die Reste jener Kinder vergraben, die die Karthager auf grausame Weise ihren Göttern opferten.

Mit einer Steinguillotine — so die Überlieferungen — wurden die Kinder, meistens Erstgeborene aus vornehmer Familie vor den Augen ihrer Eltern geköpft und dann verbrannt. Nicht wenige, so heißt es, wurden auch lebend auf eine Molochstatue gelegt und durch einen Mechanismus in das Feuer geworfen, während die Karthager tanzend die Götter beschworen und mit Flöten- und Tamburinmusik die schrecklichen Todesschreie der Kinder zu überklingen versuchten.

Karthago war bei seinen Nachbarn bekannt für seine Kinderopfer. Sie sollten die Götter Baal Hammón und Tanit verjüngen und Karthago zu Wohlstand und Fruchtbarkeit verhelfen. Der Grieche Plutarch erwähnt die Opferpraktiken ebenso wie der in Karthago geborene Tertullian und auch der griechische Geschichtsschreiber Diodor. Moderne archelogische Ausgrabungen haben dies bestätigt. Rund 20000 Urnen, so schätzt man — wurden auf dem Kinderfriedhof Tophet begraben.

Wenn auch jüngste Untersuchungsergebnisse amerikanischer Wissenschaftler behaupten, die Knochenfunde seinen nicht auf Kinderopfer zurückzuführen, sondern auf Fehlgeburten und tödliche Kinderkrankheiten — bleiben für die meisten der Archäologen die grausamen Opferpraktiken des alten Karthagos eine Tatsache, die trotz alledem die Götter nicht zufrieden gestellt haben dürfte. Karthago wurde buchstäblich dem Erboden gleichgemacht.

Man kann gegen die Römer sagen, was man will, aber was sie machten, machten Sie gründlich. Als die Römer Karthago 146 v. Chr. eroberten, ließen sie keinen Stein auf dem anderen. Sechs Tage lang plünderten und mordeten die römischen Truppen und zerstörten die Stadt bis auf Grundmauern. Die am leben gebliebenen Karthager wurden in die Sklaverei verkauft. Heute ist Karthago eine nobles Villenviertel und Standort des Palastes des tunesischen Präsidenten Ben Ali. Von der einst so brillanten Zivilisation der Antike sind heute nur noch ein paar Steine zu sehen. Der Rest sind die Ruinen der römischen Ansiedlungen die später auf dem Boden Karthagos gebaut wurden.

Beispielsweise das Amphitheater von Karthago, oder was davon noch übrig ist, das 50000 Menschen fasste und die Zisternen von La Malga, die die Trinkwasserversorgung des römischen Karthago sicherten. Und natürlich die Ruinen der Antoninus-Pius-Thermen, die direkt am Meer liegen. Mit einer Ausdehnung von mehr als 200 Metern war es die größte Thermenanlage außerhalb des damaligen Roms. Ein paar Säulen, Gänge und kopflose Skulpturen sind noch übriggeblieben. Die Herrlichkeit der römischen Badehauses lässt sich heute nur erahnen. Die Pracht des angrenzenden Präsidentenpalastes hingegen ist offensichtlich. Fotografieren ist hier verboten, als wäre der luxuriöse Lebensstil Ben Alis ein Staatsgeheimnis — oder doch?

Ein Tipp: Nehmen Sie sich nach der Besichtigung der Thermenruinen (vor allem in den Sommermonaten eine heiße Sache) die Zeit, und setzen Sie sich zu einer kurzen Rast auf die schattige Terrasse des nahegelegenen Cafes, trinken Sie einen Minztee, genießen Sie das Rauschen des Meeres, und bereiten Sie sich auf einen wahren Augenschmauss vor.

Nur wenige Kilometer von den Ruinen entfernt befindet sich auf einem Riff des Golfes von Karthago eines der schönsten Dörfer von Tunesien: Sidi Bou Said. Alles in hier in weiß und blau gehalten. Alle Häuser sind im andalusischem Stil gebaut und weiß gestrichen. Ihre Holzveranden, Fenstergitter und -rahmen sowie die hölzernen Türen und Toren sind blau. Jede Ecke und jedes Gässchen scheint ein romantisches Gemälde. Wie gesagt es scheint, denn normalerweise werden diese Ecken und Gässchen von Händler, Souvenirverkäufern und vielen Touristen bevölkert. Natürlich auch Einheimische in ihren Djellabahs, die für den Preis von einem Dinar vor den Kameras der Touristen posieren.

Das Künstlerdorf Sidi Bou Said — genannt nach dem hier begrabenen gleichnamigen Heiligen, der viele Wunder bewirkt haben soll — birgt viele Schätze: Die Souvenirläden mit den blauweißen Vogelkäfigen aus Draht, die verträumten Gässchen, in denen Jasminverkäufer duftende und Glück bringende Sträußchen anbieten und die typischen Läden mit dem köstlichen Nougat. Vor allem aber das 300 Jahre alte Cafe Nattes, das von dem deutschen Maler August Macke 1914 in einem Bild verewigt wurde. Das im türkischen Stil gehaltene Cafe hat sich seitdem nicht verändert und ist noch immer Treffpunkt von Künstlern und Schriftstellern.

Cafe de ChabaaneCafe de Chabaane

Vielleicht noch beeindruckender ist das Cafe de Chabaane, das mit seinen Terrassen einen herrlichen Ausblick auf den Jacht- und Fischerhafen und den Golf von Karthago bietet. Der Minztee mit Sonnenblumenkernen ist genial, allerdings etwas teurer als anderswo. Zumindest für die Touristen, die meist mehr (den doppelten oder dreifachen Preis) bezahlen müssen. Angesichts des gebotenen Ambientes lohnt es sich aber immer.

Richtig gemütlich wird es Sidi Bou Said allerdings erst, wenn alle Touristenbusse abgefahren sind. Dann vermischen sich am Abend in den Cafes die Einheimischen mit den wenigen Touristen, die eines der wenigen Hotelzimmer gefunden haben. Es wird geplaudert, Minztee getrunken und Wasserpfeife geraucht. Und wer ein paar Tage in Sidi Bou Said verbringt, wird vom Dorf aufgenommen und bezahlt für den Tee (möglicherweise) das gleiche als der Fischer vom Haus nebenan.

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Anekdoten und Geschichten von Begegnungen auf Reisen durch Tunesien von Rolf Schwarz